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Manche sind beratungsresistent

„Damals mussten Redakteure noch spiegelverkehrt auf dem Kopf lesen. Da rief der Setzer an und man musste mitten in der Nacht entscheiden, was man kürzte. Spiegelverkehrt und auf dem Kopf. Ich weiß nicht, ob ich das heute noch kann.“

Draußen sieht man die klare Kälte förmlich. Der blaue Himmel, die Sonne. Wenigstens ist die Aussicht gut, wenn es schon so monoton losgeht. Das Durchschnittsalter Emdens liegt 2008 bei 42,8 Jahren. Gründung der Zeitung vor circa 100 Jahren. Das E-Paper zählt zur Auflage. Zählt zur Auflage? Doppelt? Wenn ein Mensch das E-Paper und die Zeitung abonniert, sind es dann zwei Abonnenten oder 2 Auflage…? Zwei Auflage! Ich bin echt noch nicht wach und gleich zu Beginn einen 40-minütigen Abriss über die Geschichte der Zeitung. Er hat dabei zwar ein schelmisches Grinsen im Gesicht, aber das sehe ich nicht, wenn ich auf die Microsoft Power Point Präsentation starre und…!

Ok, ich halte mich mit ein paar Fakten wach. Die Vollredaktion („Wir heißen so, nicht weil wir den ganzen Tag…“ Ich rufe schlaftrunken rein „Weil wir den ganzen Tag am Saufen sind, hehe“ und versinke wieder in mein Inneres. Allgemeines Amüsement über die Bemerkung des Chefredakteurs, die mit „sondern weil wir alles selber machen“ endet. Ich werde höflich ignoriert. Jeder hat das gedacht.

30 Leute, 24 in dieser Redaktion. Die Konkurrenz kauft Politikseiten ein, wir machen alles selbst. „Das merkt man.“ Die sogenannten Mantelseiten, das ist wieder so ein Fachbegriff… Ich denke über Poetik nach, notiere: Miniaturen der Semiotik, passende Grammatik, störende Begrenzungen (der Sprache) – Es nützt kein Ärgern, man muss die Unzulänglichkeiten der Sprache hinnehmen. Was nützt das Winden, Ziehen und Zerren an ihr, wie an einem zu eng und falsch geschnittenen Hemd!

Frage aus dem Publikum. Antwort: „Man sollte Polektologie belegen, wenn man über die große Politik schreiben will.“ Ich merke, wie meine Zunge länger wird, mir zwei Stäbe auf dem Kopf wachsen, ich das Bedürfnis verspüre, Blätter aus Baumkronen zu rupfen, so einen Hals kriege ich. Dämmere glücklicherweise wieder weg. Schrecke ein paar Traumsequenzen später wieder hoch. „Was mach ich morgens beim Frühstück?“ In meinem Unterbewusstsein bricht sich die Warnung vor einer seelischen Grausamkeit Bahn. Die Antwort kommt: „In der linken Hand Ei und in der rechten IPad.“ Mit Nachdruck, hochgezogenen Augenbrauen, aufgerissenen Augen und vorgebeugtem Körper wiederholt er es noch einmal „EI und EI-PETT!“ Blut beginnt aus meinen Ohren zu laufen, meine Augen flackern und mein Herz krampft sich zusammen. Im Gelächter der 50-Plusser sterbe ich einen kleinen Tod, Befindlichkeiten überwerfen sich und ich sinke gebrochen zusammen.

Was hatte ich anderes erwartet? Der angekündigte Fotograf steht mittlerweile vor dem Plenum und stößt bei der ein Meter sechzig großen Redakteurin auf Gegenwehr, als er das Gruppenfoto im Tor propagiert. An die Nebenfrau gerichtet sage ich, „besser Gruppenfoto in der Dusche oder was?“ Da erst fällt mir auf, warum ich seit einigen Minuten kaum noch einen Blick nach vorne verschwende. Der Fototypi stößt mich ab, er hat viel zu weiße Zähne, einen viel zu exakt rasierten Bart und eine viel zu enge Hose. „Portraits immer zoomen, nicht zu dicht rangehen. Nicht zu viel zoomen, sonst gibt es ein Pfannkuchengesicht.“ Er grinst. Nicht, weil es irgendwie witzig sein könnte, sondern weil er glaubt, uns Wissen vermittelt zu haben. Er freut sich.

Dann schwafelt er über Belichtungszeiten und verwendet mehrmals das Wort „unterbelichtet“, ohne jedoch die Doppeldeutigkeit zu erkennen. Kaum zu glauben, gibt es hier doch so etwas wie eine Wortspielethik, oder haben sie meinen Zusammenbruch vorhin bemerkt und schonen mich nun? „Wenn ein Bild unterbelichtet ist, können wir mit den Programmen die wir oben, die unsere Technik hat, Photoshop, auch nichts mehr machen. Wie können wir das vermeiden? Zwangsblitz.“ Was hat er da grad gesagt? „Zum Beispiel bei einer Scheckvergabe. Diese großen weißen Schecks aus Pappe. Die Kamera denkt, hell genug, der Scheck ist hell, alle anderen unterbelichtet: Zwangsblitz.“

Jaja ,die Kamera denkt. Mann, er soll was trinken, er schmatzt schon beim Reden. Ich schaue auf sein Glas und schweife dann mit meinem Blick über die gegenüber liegende Häuserfront. „Und der Bildhintergrund. Sie müssen überlegen, wenn da vorne alles voll Bierflaschen steht, ob sie so in die Zeitung kommen wollen und jeder sieht, dass da ordentlich n bisschen was getrunken wurde, hahaha.“ An diesem Satz erkennt man deine Existenz, mein Freund. Er grinst mit funkelnden Augen. „Dass da ordentlich n bisschen was getrunken wurde.“ Prost Mahlzeit. Weiter geht’s mit Motivwahl. Mensch, der Fotograf kennt den Begriff Schwulitäten nicht. Außerdem hat er viel zu schöne Augen für einen Mann, (benutzt der einen Eyeliner?) dazu noch einen S-Z-Sprachfehler. Ich könnt kotzen.

Ich konzentriere mich auf Herrn K. Neben der eins-sechzig-Frau und dem ausgeflogenen Einstiegslangweiler der dritte Redakteur im Bunde. Er ist dick, trägt einen dunkelgrünen Wollpulli mit einem dieser undefinierbaren Muster, von denen man weiß, dass sie da sind, sie aber nicht beschreiben oder aufzeichnen könnte; darunter trägt er ein Hemd. Wenn er Kaffee holt knirscht sein linker Schuh ächzend bei jedem Schritt unter seinem Gewicht. Mit seinem ausuferndem Bart ist er das absolute Gegenteil von unserem modelnden Showfotograf, der wie der Blonde von der schwedischen Band Ace of Base, seine 1,90 zum Ausdruck bringt.

Herr K. referiert über die Rubrik Tipps und Termine. „Immer eine Telefonnummer mitschicken, falls Rückfragen auftreten.“ Ja, du mich auch. „Wenn ne Windows XYZ gesuperte Version auf den Markt kommt, dann kann man es nicht öffnen. Bei der Nachberichterstattung immer die W-Fragen im Hinterkopf behalten und die eigentliche Nachricht nach oben. Nicht auf eine Pointe hinschreiben. Das liest dann keiner.“ Ok, verstanden. Es ist Mittagspause. Das Phrasenschwein wird geschlachtet. Die chronologische Abfolge ist der Tod der Aufmerksamkeit. Der erste Satz ist verbesserungswürdig.

„Oh, sach ich. Nee, sach ich.“

„Immer nie.“

Manche sind beratungsresistent.

(948 Wörter)

Was es zu Mittag gab, wie die Redakteurin aussah und ob Bliggedi den Tag ohne innere Verletzungen überlebte, überlasse ich eurer Imagination. In diesem Sinne,
Dein Bliggedi
blowm tag xxXX

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