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Realitätsbegradigung

An der Kasse legt er seinen Einkauf auf das Band. Er ist gut gelaunt und entspannt. Die Cornflakes, der Liter Milch, Schwarzbrot, Bananen, Joghurt und Schokolade mit 70% Kakao. Alles fährt auf dem Band nach vorne, zur Kassiererin. Bargeld hat er keins dabei, sein Portmonee ist fast leer. Nur einzelne Cents und der blaue Einkaufschip, den er heute nicht braucht. Er hat seinen Korb dabei. Keiner aus Stroh, einer aus Metall und Nylon. Die Kassiererin schaut wieder zu ihm. Er muss lächeln, sie auch, blinzelt und begrüßt ihn. Er räumt die Sachen, kaum auf dem schwarzen Gummi, an der jungen Frau Jahn vorbei, wieder in seinen Einkaufskorb hinein. „Ein Autogramm bitte“, kann sie sich nicht verkneifen zu sagen. Das weiß er. Unterschreibt den Kassenzettel mit dem richtigen Betrag, nimmt seinen Kassenbon in die eine und die Packung Frühstücksflocken in die andere Hand, klemmt vorher die EC-Karte ins Portmonee und geht aus dem Supermarkt, mit dem Kob unterm Arm.
Nur geht er nicht wie erwartet in die Zülpicher Straße, wo er die eine Hälfte des Zwei-Parteienhauses bewohnt, sondern drei Straßen weiter in den Wogenbacher Weg, schnurstracks auf den sechsstöckigen Wohnblock zu. Warm macht er das, hat er für jemand anders eingekauft? Nein, auf einem der Klingelschilder steht sein Name, er zieht seinen Schlüssel aus der immergleichen Tasche, drückt die Tür auf, geht auf den Fahrstuhl zu, der auf ihn zu warten scheint, öffnet ihn und fährt hoch in den letzten Stock.
In der Wohnung angekommen sortiert er alles bis auf die Cornflakes in den Kühlschrank, füllt Wasser in den angestaubten Kocher, stellt ihn an und setzt sich in das angrenzende Sofa. Während er durch die Kanäle zappt, das Kochen des Wassers immer lauter wird, frage ich mich wo seine Schallplatten hängen? Die goldene für die erste Single und die silberne für das zweite Album? Den Reverb für den besten nationalen Musikclip und die kleinen Preise der Wettbewerbe vom Beginn seiner Karriere? Nach einigem nervösen Suchen zwischen angeknacksten CDs neben der Billig-Kompaktanlage finde ich nur ein Demo mit seinem alten Künstlernamen. Keine Mappen mit Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, nicht einmal die überschwengliche, aber ernst gemeinte Spex-Rezension, die er sich sogar abfotografieren und rahmen ließ, ist zu finden. Nur der alte Achtspur-Rekorder steht noch hinter einem Berg dreckiger Wäsche verborgen auf einem Beistehtischchen. Mit dem Ding hat er sein erstes Demo aufgenommen, das zwei bis drei Mal hier herum liegt, auf CD gebrannt, mit dem lasergedruckten schwarz-weiß Cover. Aber warum kennt ihn keiner? Ihn, den revolutionären Star einer totgeglaubten Musik, oft kopiert und erst spät bis selten erreicht.
Das Wasser hat gekocht. Bis auf das Gequäke aus dem Fernseher ist es wieder still. Er schwingt sich hoch, immer noch der gleiche Drive, der Enthusiasmus ist derselbe wie einst. Aber was war geschehen…

BLOWM blowm sprechblase
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BLOWM blowm sprechblase

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