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Tödliche Metaphern. Oder: Ende der Fahnenstange, Quacksalber!

Moin Leute,

das Wetter war gut und die Straßen wie leer gefegt. War das ein Grund nicht zur Vorlesung zu gehen? Nein. Für mich war das kein Grund nicht in die Vorlesung zu gehen. Ich schmiss die Zeitung ins Altpapier. Die Plastikkiste quoll über. Wie immer, wenn mein Mitbewohner seinen Verpflichtungen nicht nach kam. Er machte so gut wie gar nichts im Haushalt. Seit wir hier einzogen, war es immer schlimmer geworden. Und das Allerschlimmste: Ich konnte ihn in keinster Weise dazu bewegen, etwas zu tun. Ich weiß nicht, was es war, aber er schaffte es, jeden Vorwurf mit einer Vehemenz von sich zu weisen, die mir jegliche Energie raubte und ich nach einem Versuch immer total erschöpft war. Es machte weniger Arbeit den Dreck selber wegzuräumen, als ihn danach zu fragen, es zu tun.

Das Treppenhaus wischte ich einmal im Monat. Das Badezimmer und die Küche gleich mit. Sozusagen absolut notwendigste Grundreinigung. Wenigstens machte er seinen Abwasch. Wenigstens etwas, das ich durchzusetzen im Stande war, dass er seinen verfluchten und vergammelten Abwasch selber machte. Manchmal musste ich zwar bis zu drei Wochen mit zwei Messern, einer Gabel und einem Teelöffel meine Mahlzeiten einnehmen, aber irgendwann hatte ich den Trick raus, in der Mensa Besteck zu klauen. Ist ja auch ganz einfach. Da ich sowieso nur einarmig esse, sozusagen ein Meister mit der Gabel bin, sogar Steaks kriege ich klein, ohne auch nur einmal ein Messer anzugucken, hatte ich nach kurzer Zeit wieder mehrere saubere Messer und auch Gabeln im Haushalt. Denn so schön „Rindergulasch aus der Keule mit Champignons, Pfefferschoten, Spirelli & grünen Bohnensalat plus Vorsuppe“ auch klingt, man kann es problemlos löffeln und die Gabel unbenutzt einstecken, ohne dass es jemandem auffällt.

Warum ich überhaupt Besteck klaute? Na weil mein Mitbewohner, den ich in den letzten Semestern nur noch „Vogel“ nannte, das Geschirr hortete. Ja, er stapelte es beinahe meterhoch in seinem Zimmer. Das Zimmer hätte ohne dreckiges Geschirr schon schlimm genug ausgesehen, aber die Teller gaben dem Anblick noch das Plus auf der Verkommenheitsskala. Die Geschichte „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ konnte er nicht gekannt haben.
Selbst als er in einem sehr heißen Sommer, nach langer und kraftraubender Diskussion endlich einmal den Abwasch machte, weil weit und breit nichts mehr zugegen war, was ich als Topf hätte zweckentfremden können, und Kartoffeln kann man einfach nicht im Wok kochen!, sein Mageninneres ins und ums Klo brach, weil der Schimmel selbst ihm zuwider war, konnte er sich drei Wochen später, darauf angesprochen, nicht mehr im Geringsten an den Vorfall erinnern. Bei diesem Vogel waren Hopfen und Malz verloren. Mein Kind würde ich nie im Leben auf die Schule gehen lassen, an der er unterrichten würde. Niemals!

Der Grund, warum ich heute nicht zur Vorlesung ging, war weder das schöne Wetter, wolkenlos und sonnig, versehen mit einer frischen Brise aus Nordwest, noch der dringend auf Vordermann zu bringende Haushalt. Nein. Es war die Vorlesung selbst. Genauer gesagt, mein Professor: Um den Abstand zu vergrößern, der Professor dieser einen Vorlesung.
Ich hatte den Pflichtkurs fürs Hauptstudium drei Semester lang belegen müssen und war sehr angenervt. So oft es ging schwänzte ich, leider waren das nur dreimal pro Semester, da der Prof die Fehlzeiten ziemlich genau nahm und ich mich mit den anderen Studenten gar nicht bis überhaupt nicht verstand, sodass auch keiner bereit war, meine Unterschrift zu fälschen. Die Kommilitonen waren alle ätzend, langweilig und kriegten selten ein Wort über die Lippen. Vielleicht lag es auch an mir, dass das Klima in den Vorlesungen so frostig war, aber kann ein einzelner Mensch für soviel schlechte Stimmung verantwortlich sein?

Ich glaube nicht und den Schuh möchte ich mir auch gar nicht anziehen; oder Hut aufsetzen oder was auch immer. Immer diese Metaphern. Gerade eben dieser Professor von dem ich spreche, benutzte ständig solche blöden Metaphern. Er sagte Sachen wie: „Heute sprengen wir mal den Rahmen unseres Themas und gehen eine interdisziplinäre Liaison mit der Linguistik ein.“ oder „Um das Damoklesschwert, welches über dieser Hypothese gefährlich schaukelt, woanders aufhängen zu können, kann der Fuchs nicht warten, bis die Hühner von der Stange fallen. Dann gehen wir nach der Vorlesung nämlich alle hungrig nach Hause.“

Man habe ich gelacht. Stundenlang. Ich habe sogar einen Aufsatz geschrieben, warum es so lustig war und an den E-Mail-Verteiler des gesamten Fachbereichs geschickt. Nein, jetzt mal im Ernst! Der Typ war die Hölle. Anstatt uns, oder besser gesagt mir, etwas Gescheites beizubringen, badetete er sich unentwegt in dem sicheren Dunst seiner C4-Professur und ich bibberte um die Anerkennung meiner Scheine, während er scheinbar alle 1000 Seiten des „Kompendiums für grottig schlechte Metaphern“ an uns ausprobierte, beziehungsweise an mir. Denn ihm konnte es nicht entgangen sein, dass ich bei jeder grausamen Metapher, die er vom Stapel ließ, meine Augen bis aufs masochistischste verdrehte und mir den Kopf hielt. Diese Metaphern verfolgten mich bis in meinen Schlaf. Andere Studenten schlafen unter der Woche mindestens bis 10 Uhr, wenn sie keine eigenen Kinder haben, aber ich wachte schon um 6 Uhr mitteleuropäischer Zeit schweißgebadet auf, wenn ich Tags zuvor eine Vorlesung von ihm besuchte, oder sie noch bevorstand.

In diesem Sinne,
Fortsetzung folgt…
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