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Eierrollen

Moin Leute,
sage ich und setze mich zu ihnen. Direkt ans Fenster. Im Raucherraum des Pferdemücke’s. Anfangs flachsen wir noch, bis ich einen White Russian bestelle und erzähle, was mir die letzten Tage passiert ist.

Des Teufels Sohn
Der Sohn vom Teufel steht vor der Tür, man erkennt die Ähnlichkeit sofort. Er spricht mit einem Ossidialekt, aber kein Sächsisch. Kurz darauf kommt sein Vater herein. Versteinerte Miene, schlechte Laune wie immer.
Er begrüßt seinen Sohn nur per „du bist ja schon da?“ Es macht den Eindruck, als fände er es schlimm, dass ich seinen Sohn kennen lerne und mich zu allem Überfluss noch mit ihm unterhalte.
Bis der Teufel hereinkam, sprach er von den Sorben. Ein Volk, welches bei ihnen ebenfalls Eierrollen mache. „Naja, die sind seit zweitausend Jahren da. Die sind so weit integriert.“ Sein hartes Gesicht und die tiefliegenden Augen über den knochigen Wangen kann ich nicht durchdringen. Seine Augen funkeln, können in meinem Gesicht aber keine Feindseligkeit erkennen. Vater und Sohn gehen ein Zimmer weiter, scheinen sich nach einiger Zeit prächtig hinter der geschlossenen Tür zu amüsieren. Jedenfalls weist das furchtvoll blökende Schafes darauf hin. Ich packe meine Sachen und will los. Denn Ostern steht vor der Tür.

Ich unterbreche meinen Monolog, dem keiner zuhört. Der White Russian ist mit H-Milch gemacht. Dafür Fingerlingeiswürfel, welche zehn Zentimeter kleine Coneheads als Eishelme aufsetzen könnten. Das Getränk mit dem Strohhalm aus den Eiswürfeln heraus zu trinken ist Lebensart. Da sind sich am Tisch alle einig. Ich erzähle weiter.

Einen Tag später.
Morgens bin ich am kämpfen. Die scheiß Stunde killt mich. Zeitumstellung. Braten, Brokkoli und Tuffels. Ich wundere mich, warum der Mülleimer mit einer Schallplatte zugedeckt ist. Kool and the Gang – Forever. Eine ihrer schlechten Scheiben von 1986, Polygram Records. Jeder Songtitel bedient ein anderes Klischee, sie heißen: Victory, IBMC, Stone Love, Forever, Holiday, Peace Maker, Broadway, Special Way.
Ich schaue in den bebeutelten Behälter und staune nicht, als ich sehe, dass das Sextett auf ein Häufchen Kotze schaut. Was ist da los? Verdutzt muss ich lachen, lege das Vinyl zurück wie es lag und gehe in die Küche. Der Espressoautomat verlangt eine Reinigung. Ich stelle einen benutzten Becher unter und drücke die Reinigungstaste und gehe zurück ins Schlafzimmer. Nehme die Rückseite mit den grinsenden Fressen und schaue auf den Auswurf.
Draußen liegt Schnee und ich beschließe mich später um den Müll zu kümmern. Die Sauce holdondays dampft und verlangt Kümmerung.

Der White Russian ist ausgetrunken, aber nach Bier steht mir der Sinn nicht. Ich bestelle einen Spritz Aperol, der mit zu viel Eis gebracht wird und mit schlechtem Sekt zubereitet ist. Zu scheel, zu bitter. Aber in Ordnung, was will ich erwarten? Mein Tischnachbar bestellt einen frischen Minztee.

Eierrollen
Nach dem Brokkoli geht es an den Jarssumer Deich. Mein Familienklan verteidigt wie jedes Jahr seine Reputation in der internationalen Eierrollszene. Eierrollen ist Nationalsport und besitzt ein komplexes Regelwerk. Die Eierrollstrecke befindet sich auf der vom Wasser abgewandten Deichseite. 30 Meter unterhalb der Deichkrone verläuft am Fuße des Deiches ein Betonweg. Ursprünglich als Hindernis gedacht, um diesen Brauch zu erschweren, wurde er in das Eierrollen integriert und provozierte neue Techniken und Taktiken. Die ersten Runden werden die Ostereier von unten gerollt, quasi wie beim Kegeln. Der Eierroller, der sein Ei am nächsten AN den Betonweg kullert, gewinnt die Runde. Je nach Ehrgeiz können beliebig viele Runden gespielt werden. Die zweite Disziplin hat als Ziel, das hartgekochte Ei unbeschädigt durch einen Wurf von unten AUF dem Betonweg zu platzieren. Die dritte Disziplin hat in unserer Familie nur Showcharakter, da Omas ältester Enkel sein Ei bis über den Schlot (50-60 m) aus 1 Meter 90 Höhe from the top of the Deich ins Land wirft. Den Bonus-Award bekommt der Spieler, bei dem es passiert, dass aus seinem platzenden Ei ein unbeschädigter Dotter springt und über das Gras kugelt. Das Wichtigste ist jedoch: Salz nicht vergessen.

Zahlreiche Zwischenfragen irritieren meinen Gesprächsfluss, aber durch lauthalses Schreien und Gewaltandrohung konnte ich das Eierrollenregelwerk allen Uninteressierten weitgehend strukturiert verklickern. Nun möchte ich gerne ein Becks trinken. „Green Lemon oder Becks Gold?“ Häh? Ein grünes, normales Becks bitte. „Das haben wir nicht.“ Was ist das denn für eine bekackte Logik schreie ich in mein Gehirn hinein und randaliere, benutze eins der schwächeren Ichs als Prügelknaben. Na gut, ein gezapftes Jever. Das Bier kommt mit einer astreinen Schaumkrone und ich lecke es wie ein Eis. Bier zapfen können sie hier. Wenigstens das. Mein Tischnachbar bekommt eine Flasche Whisky hingestellt. „Hm? Whisky hat aber keiner bestellt,“ und lacht. „Einen frischen Minztee wollte ich haben.“ Die Bedienung rauscht nuschelnd ab.

Uno Stuno
Also, nach dem Eierrollen, ich erreiche den zweiten Platz, will ich ins Uno Stuno. Das Uno Stuno ist ein dreistöckiges Café und meine Adresse, wenn ich zum Eierrollen in der Stadt bin. Das besondere am Uno Stuno ist, anders als im Pferdemücke’s, kann man mit den Bedienungen hochdeutsch sprechen und nicht ausschließlich Dialekt. Ein weiterer Vorteil des Uno Stuno ist die Nähe zum Zeitfenster. Aber zum Uno Stuno an anderer Stelle mehr. Am heutigen Tag sollen SA/SO und Blowm Beats auflegen. Die Party rockt, aber um 5 will ich weiter ziehen. (Nach zig Ausschweifungen kommt jetzt die Auflösung der Geschichte.) Ich gehe ins Sour, einer Heavy Metal Kneipe am Marktplatz und treffe gleich am Eingang Ron Pearlman. Er ist ungefähr achtmal größer als in seinen Filmen und sein mies drein schauender Kollege erwähnt mehrere Male, dass er mich nicht mag.

Die Bedienung kommt zurück und bringt getrocknete Minze zum selber aufgießen. Mein Tischnachbar bestellt noch einen Caipirinha ohne Schnaps und nimmt die Minze des Cocktails für den Aufguss. Scheiß Pferdemücke’s! Aber das nur am Rande, ich fahre fort.

Osterspasti
In der letzten Ecke des Sours, ich bewundere die Flachbildschirme – HD – und das vortreffliche Interieur, sehe ich den Osterhasen in einem Mantel mit ins Gesicht gezogenem Schlapphut. Er sagt mir, dass er bei dem Scheißwetter mit dem Schlitten vom Weihnachtsmann unterwegs gewesen sei. Nachdem er alle Kunden mit A abgehakt hatte, bekam ihm das Schaukeln des Schlittens immer schlechter. Die erste Hälfte der Kunden mit B schaffte er noch, bei mir musste er sich dann ergeben und brach in meinen Mülleimer. Die Eier legte er noch ab, aber da er in Verzug war, konnte er die Kotze nicht mehr beseitigen.
Ich knockte ihm eins in die Fresse und zog ihm die Ohren länger. Ron Pearlmans Kollege wartete nur auf so eine Gelegenheit und schmiss mich nach einigen Ohrfeigen und einem Tritt in den Unterleib aus dem Sour und ich wankte durch den Schnee nach Hause. So kam die Kotze in meinen Mülleimer.

In diesem Sinne,
Dein Bliggedi
blowm razer cut

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