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Lichte (Freyburg) / Matheaufgabe revisited / Noch eine Moccabohne

Lichte 14.03.2013, Hamburg Bar 227
In der kläglich unterfüllten Bar227 spielen Lichte.
Fantasie ist eine Zusatzqualifikation.
Songs aus Sicht der Eltern.
Schmetterlingsfänger ist kein Beruf.
Aus Freyburg in Sachsen Anhalt.
Einen markigen Bassspieler, vollbebarteter Leadsänger und Gitarrist.
(Schlagzeuger, zweiter Gitarrist und Keyboarderin fallen kaum auf.)
Melancholisch einlullende Aussendraufperspektive.
Texte, als wären die Vorwürfe der Eltern der Generation 30 in Gesang und Melodie verpackt.

Wo sind die Hipster,
wenn ihre Musik abseits des Mainstreams live gespielt wird?
In einer dieser angesagten Bars,
in die sie ihre Finjadates dirigieren,
um größtmöglichen Konsens zu Hiphopmusik,
die sie ignorieren, weil sie sie verachten,
zu schaffen?

Er, der vollbebartete Sänger, stellt eine Matheaufgabe der 7. Klasse.
Ich kann sie nicht lösen.
Du weißt was du hast, aber nicht mehr wer zu dir gehört.
…früher hattest du ein Stechen im Herz, heut hast dus im Rücken.
Philosophisches Grundwissen -vom stumm im Wald umfallenden Baum- zu Texten verwoben.
Früher war alles besser, später nicht mehr da.

Lichte liefert sich selber den verflossenen Soundtrack zum leeren Saal.
Nadine am Akkordeon.
Das Leben der Boheme hat dich wortlos überrant.
Dadurch, dass der Sänger die Matheaufgabe noch einmal wiederholt und mein Ehrgeiz geweckt ist,
höre ich den Texten nicht mehr zu, sondern denke an:
“Ein Mann ist eine Stunde früher am Bahnhof,
er läuft seiner Frau entgegen, die ihn immer abholt,
dadurch sind sie 20 Minuten eher zuhause.
Wie lang ist der Mann gelaufen?”

4 Männer und 1 Frau, lese ich in meinen Notizen.
Das im Garten gebaute Raumschiff steht bereit.
Na gut, wehmütige ums Herz bedachte Songs klingen wie Einschlaflieder für Erwachsene.
Heile Welt im 2-Zimmer-Apartement.
Pathetisch und nicht ganz ernst zu nehmen, dennoch starke Stimme, gute Musiker.
Zwischen den Songs kann man jedes Gespräch in der Bar227 hören.
Kein Geraune, Intimität und der vorletzte Song ist der erste mit Drive und Assonanzen.
Bitte mehr in die Richtung, denkt der plakative Musikjournalist in mir.
Ich locke Motive.
Auch eine gute Schlagphrase. (Später stellt sich heraus,
dass ich mich wunschdenkend verhörte. Es heißt „Ich, Lokomotive.“ Schade.)
Du bist kein Motor, nicht mal Getriebe.
Schöne Wortfeldbeackerung.
Fast bitter die Verabschiedung vorm letzten Song,
wieder im Träume hinter sich lassenden Tonfall und Text.
Schepperndes Finale.
Hand in Hand in Flammen stehen.

Die Antwort auf die Matheaufgabe am Ende des Konzerts ist: 50 Minuten.
Weil die Frau noch 10 Minuten zum Bahnhof hin
und 10 Minuten zurück gefahren wäre, sie sparen ja 20 Minuten.
Zuerst dachte ich, ja, das macht Sinn…
…aber irgendwie auch doch nicht.
Wie schnell muss der Mann denn gelaufen sein,
beziehungsweise, wie lahm ist die Frau denn gefahren?

Lichte – Ich, Lokomotive from mikrokleinstgarten on Vimeo.

Matheaufgabe revisited
Ich sage mir die Aufgabe inklusive Lösung und Erklärung noch einmal vor:
Frage:
Ein Mann ist eine Stunde früher am Bahnhof. Um 15 Uhr anstatt um 16 Uhr. Er läuft seiner Frau entgegen, die ihn jeden Tag abholt. Dadurch sind sie 20 Minuten eher zuhause. Wie lang ist der Mann gelaufen?”
Antwort:
Der Mann ist 50 Minuten gelaufen.
Erklärung:
Die Frau trifft 10 Minuten bevor sie am Bahnhof ankommt auf den Mann. Dadurch sparen sie die 10 Minuten zum Bahnhof hin und die 10 Minuten vom Bahnhof zurück zu der Stelle, an der sie sich trafen. Also 20 Minuten Zeitersparnis.

Ein paar Tage später rechne ich nach:
Gehen wir davon aus, dass der Mann sich mit einer Gehgeschwindigkeit von 5 km/h vorwärts bewegt, dann schafft er in 50 Minuten 4,166 km. Die Frau braucht von der Stelle, an der sie den Mann aufpickt noch 10 Minuten bis zum Bahnhof. Sie dürfte diese Strecke von der Stelle, an der sie auf den Mann trifft nie viel schneller als knapp über 30 km/h fahren, damit sie die Strecke von 4,166 km nicht schneller als in 10 Minuten schafft.

Da die Fragestellung feste 20 Minuten Zeiteinsparung vorraus setzt, sind wir angehalten davon auszugehen, dass sie nicht durch Verkehr oder Ampeln behindert werden, es also immer 10 Minuten zum Bahnhof hin und 10 Minuten vom Bahnhof weg, bis zu der Stelle, an der sie auf den Mann trifft, sind. Frage: Welcher Bahnhof, ohne zähen Verkehr drumherum, hat mindestens 5 km in jede Richtung eine Tempo-30-Zone? Keiner. Und selbst wenn sie immer 10 Minuten im Verkehr stünden, wäre der Mann zu Fuß schneller voran gekommen und wäre außerhalb des 10 Minuten-Radius auf die Frau getroffen. Wodurch die Zeitersparnis von 20 Minuten nicht mehr stimmen würde.

Also, alles in allem eine beschissen unrealistische Aufgabe. Fuck you Matheaufgabenausdenkspastis! Ihr seid schuld, dass realistische Menschen wegen euch ne 5 auf dem Zeugnis haben. Maudevaders!

Brain Power Animation Reel from Jordan Bruner on Vimeo.

Noch eine Moccabohne
Viel war nicht mehr da. Nur diese ovalen Zartbitterschokoladenlinsen. In der Größe seines kleinen Fingernagels. 50% Kakaoanteil. Kaffee hatte er noch, sonst alles aus. Keine Milch, kein Zucker, kein Brot, keine Nudeln. Nur diese letzten Tropfen süßer Vergangenheit. Wofür sie die damals gekauft hatte, wusste er noch. Für dieses Vanilleeisdessert, das ihm gut geschmeckt hatte. Mit Caramellikör, Moccabohnen, selbst geschlagener Sahne und diesem köstlichen Biscuitkuchen, nach einem Rezept ihrer Oma. Wann es gewesen war, wusste er nicht mehr. Hätte er sich an seine Kalendersammlung gesetzt, wäre er auf den Blockschrifteintrag „Moccabohnen Dessert“ gestoßen. Aber nur, wenn er nicht an irgendeiner Notiz, einem Dutzend Buchstaben, in denen er die Gegenwart auf dem Kalender für später, für schlechtere Zeiten festhalten wollte, hängen geblieben wäre. Er schaute nicht nach. Einen Kalender führte er auch dieses Jahr wieder, aber er sah nie hinein. Schrieb, notierte, nahm das Bändchen, blätterte um und vergaß. Dafür machte er es. Um guten Gewissens vergessen zu können. Den Einheitsbrei, der 24 Stunden täglich ausgelöffelt werden musste. 365 Tage im Jahr, auf dem mittlerweile gelbbraun verkrusteten Teller, der sein Leben zu sein schien.

Der rustikale Tisch, mit den vielen tiefen schwarz gewordenen Kratzern. Mit der Messerspitze (F. Dick) bohrte er die Krusten auf, wenn er gedankenverloren daran dachte, was nicht mehr zurück kommen würde. Wenn ältere Semester ihm offenherzig im Suff erzählten, wie schnell die Zeit mit dem Alter verging, konnte er nur abwinken. Er kannte die kurzen Wochen, aber noch besser kannte er die langen Tage. Die langen Tage, die einfach nicht vorüber gehen wollten und plötzlich ein vergangener Monat waren. Er kannte die nicht zu bändigende Anzahl an Filmen und Serien aus dem Internet. Output einer Industrie, die vehement dafür sorgte, dass es nicht weniger wurden.

Noch eine Moccabohne. Diesmal gelutscht. Und noch einen Schluck lauwarmen, weil vergessenen Kaffee. Ob er die Kundenhotline anrufen sollte? Ob irgendjemand jemals wegen der Moccabohnen die Kundenhotline angerufen hatte? Noch eine Moccabohne. Die Zutaten zum werweißwas fünften Mal gelesen und sie wirkten noch immer neu, ungelesen. Das Ende war abzusehen. Nur noch wenige, in Kaffeebohnenform gegossene, im „Frischebeutel“ aufbewahrte Moccabohnen. Danach würde es vorbei sein. In der Tasse war jetzt mehr Satz als Kaffee und die Dämmerung ließ sich quälend Zeit.
Noch eine Moccabohne. Dann noch eine. Und dann würde Schluss sein…

In diesem Sinne,
Dein Bliggedi

blowm razer cut

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