Das seltsame Mundgefühl der Ina aus Kleenstädten

Er war Robbendompteur. Kein erfolgreicher, aber er führte diese Tätigkeit bereits seit mehreren Jahren aus und in der Robbenszene war er kein Unbekannter. Sie kannte ihn noch aus Schulzeiten. In eine Klasse waren sie nie gegangen, aber bei einem Gymnasium in der kleinen Stadt, wie man später merkte, war es beinahe so, als hätte man gemeinsam die Schulbank gedrückt. Bisher hatte es aus ihrer Stadt nur ein Einwohner zu erheblichem Ruhm gebracht. Postmoderne Motive, welche das vorindustrielle (Deutsch?)Land der frühen 1900er Jahre in eine zukünftige Utopie betten, waren auf dem internationalen Kunstmarkt sehr gefragt und kamen für sechsstellige Beträge unter den Hammer. Ob es ein historischer Ruhm würde spaltete die Kritiker. Die FAZ war überzeugt, wegen der Verknüpfung von Geschichte und Zukunft. Die taz sprach von verkrusteter Science Fiction und kritiklos zur Schau gestelltem ökologischen Frevel.

Die anderen Namen auf der Wikipediaseite der Stadt bestanden aus zwei Bundestagsabgeordneten und einem Vogelkundler, welcher die Sprache der Kleenstädter Spatzen transkribiert hatte und von den meisten Kleenstädtern als Spinner („Der hat einen Vogel. Einen in jedem Schwarm.“) bezeichnet wurde. Daher war Robert so etwas wie ein Leuchtfeuer unter den Söhnen der Stadt. Er ging einer außergewöhnlichen Beschäftigung nach und für Ina stand fest, dass er nicht ausreichend gewürdigt wurde. Das war ihr auch ganz recht, so hatte sie ihn für sich. Sprach sie über ihn (das kam nicht häufig vor,) konnte sie nicht anders, als ihn über den Klee zu loben. Ihre Augen glänzten und sie rutschte freudig hin und her, in der Erwartung, ihr Gegenüber zu begeistern…

Jetzt war Ina im Zug und fuhr Richtung Küste. Ihr am Frühstückstisch vorsorglich geschmiertes Brötchen war gegessen und mit der Zungenspitze betastete sie ihre Zahnreihen. Gesalzene Butter auf einem Brötchen für 38 Cent, belegt mit Pfeffersalami und einer halben Scheibe Käse. Von der Schinkenaugenwurst war noch eine Scheibe in der Verpackung übrig geblieben. Wäre sie an den Rändern angebräunt gewesen, hätte Ina sie weggeworfen, aber so musste sie sich zu den drei Salamis gesellen. Aus der Vertiefung der Kaufläche hinter der Füllung holte sie etwas Brötchenmatsch. Sie stellte sich ihre Portionen immer als Menschenkörper vor, wenn es um die Größe ging. Dieser kleine Brocken aus Brötchenmatsch hatte die Größe einer geballten Faust. Ein mittelgroßer Pommes war ein Modelbein, einer dieser kleinen knusprigen Kartoffelstäbchen das Bein eines Dreiradkindes. Ihrem letzten Freund hatte sie das mal erzählt, aber der sah sie nur schief an und sagte nicht einmal, du spinnst oder etwas in der Art. Deshalb ging es zu Ende. Alles was nicht seiner „Normalität“ entsprach, ignorierte er schlichtweg. Er war zwar verlässlich und attraktiv, aber überaus langweilig, angepasst und ohne jegliche Phantasie.

Die Vorstellung, dass sie alles was sie aß an den Dimensionen eines Miniaturmenschen maß, gab ihr ein beruhigendes Gefühl. Risotto, Stampfkartoffeln, Grießbrei oder Eintopf fand sie zum gähnen. Diese Gerichte aß sie äußerst selten, meist nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Alles was keine spannende Form hatte oder sofort zu einem undefinierbaren Brei wurde, mied sie. Asiatische Küche liebte sie.

Außer Fisch, den aß sie generell nicht. Ekelig in Geruch und Geschmack. Und dann noch diese Gräten, wie riesige Stecknadeln oder Dolche, Degen, Schwerter! welche in die Zunge stachen, den Gaumen angriffen oder noch schlimmer: mit ihren chirurgischen Spitzen in das Zahnfleisch drangen und Fleischwunden erzielten oder an den Zahnhälsen entlang in die Zahnzwischenräume glitten und sie verletzte. Es reichte, dass die Robben den rohen Fisch fraßen. Fischfrikadellen waren geschmacklich besser, aber sie hatte keine Lust in einen Treckerreifen zu beißen.
Bei Eis musste es Malaga, wegen der Rosinen (die Schrumpfköpfe, platte Fußbälle oder auf Fahrradgepäckträger geklemmte Jutebeutel waren), Cookies oder zumindest Stracciatella sein. In Stracciatella fand sie Geodreiecke, Feuerzeuge oder andere feste Werkzeuge, die mit einem dumpfen Knubben auseinander knibbten.

Nur bei geschmierten Brötchen fand sie nichts, was der äußeren Form entsprach. Wenn die Ober- und Unterflächen aufgrund der Butter aneinander vorbei glitschten und den Aufschnitt frei gaben, der plump aus der Mitte fiel oder butterig heraus glitt, gab es nichts, das diesem Gefühl entsprach, welches sie in ihrem Mundraum empfand. Und das faszinierte sie. Sie konnte tagelang nur Brötchen in allen Variationen essen. Am liebsten waren ihr die Stullen, die sie eine Weile in ihrer Tasche herum getragen hatte.

Sie ließ die im Mund gefühlte Faust hinter den Zähnen entlang wandern, biss darauf und schluckte gedankenverloren. Oh Shit, eine unangenehme Schärfe breitete sich in dem Teil ihres Rachens aus, der mit der Zunge nicht zu erreichen ist, und bei Berührungen Brechreiz auslöst. Ein Pfefferkorn, welches seine Schärfe viel zu spät, aber mit einem Mal abgab, brachte sie zum angestrengten Speichel sammeln. Eine Pfefferträne zog den Zeigefinger durch den Augenwinkel. Vorsicht bei dem Lidstrich. Ein Seufzen später war es überstanden, zum Glück hatte die Grimasse keiner gesehen, zu der sie das Pfefferkorn gebracht hatte.

Im kleinen Küstenort angekommen lief sie stracks zur Aufzuchtsstation und kam wie immer rechtzeitig zur ersten Show.
Die Robben machten Kunststücke, rutschten auf den glänzenden Beckenrand aus beigem Kunststoff, der einige abgewetzte Stellen aufwies, und fraßen die Heringe aus den grünen Eimern, welche Robert, in seinem Neoprenanzug, ihnen zuwarf.

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